Mein positives Weltbild hat eine tiefe Delle bekommen

 

Viele Touristen wirken so, als ob sie sich für den Ausflug nach Monaco besonders fein gemacht haben. Das verstehe ich, denn bei den Schönen und Reichen will man ja schließlich nicht negativ auffallen. Und wenn man gar in das Spielcasino hineingelassen werden möchte… Also mit meinem Montenegro T-Shirt, meiner kurzen Hose und den Wanderschuhen würde ich mich jedenfalls nicht ins Casino lassen. Oder, frei nach Graucho Marx: „Ich mag keinem Club angehören, der mich als Mitglied aufnimmt.“ Was tun, also? Einfach selbstbewusst lächelnd die Treppe hoch, die Wächter mit einem freundlichen „Bonjour“ begrüßen und rein marschieren? Glauben Sie mir, genauso geht es. Jedenfalls vor 19.00. Denn erst ab dann gilt für den Besuch der Spielbank ein strengerer Dresscode.

 

Mehr zu meinem legendären Spielbankbesuch können Sie, ja, ja, im Buch lesen. Denn die tiefe Delle in meinem Weltbild ist nicht der laxen Kleiderordnung im Spielcasino geschuldet. Aber lassen Sie mich etwas ausholen. Erinnern Sie sich noch an den Augenblick, als Sie begriffen, dass es den Weihnachtsmann gar nicht gibt? Eine Welt ist in Ihnen zusammengebrochen, oder? Hat das Leben überhaupt einen Sinn? Über diese Frage kann man entweder verzweifeln, oder man wird Philosoph, oder beides. Genau so einen Augenblick habe ich heute erlebt. Ich fühle mich wie, ja wie, wie ein verzweifelter Philosoph. Und das hat, wie gesagt, nichts mit dem Casino zu tun.

Was ist passiert? Die letzte Instanz hat versagt, die Quelle all unseres Glaubens und Wissens. Nein, das Thema Kirche war schon dran, denken Sie doch an Athos oder den Vatikan zurück. Viel schlimmer! Die Quelle unzähliger Haus-, Diplom-, Master-, und Doktorarbeiten ist doch nicht unfehlbar! Ich zitiere aus dem Wikipediaeintrag über Monaco: „Die Lebenserwartung bei Geburt im Jahr 2016 wurde allgemein mit 89,5 Jahren angegeben (Männer: 85,6 Jahre, Frauen: 93,1 Jahre). Monaco war damit der Staat mit der weltweit höchsten Lebenserwartung.“ WIKIPEDIA! Was ist bei Dir los? Sie erinnern sich doch an den Wikipediaeintrag über San Marino: „Die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer betrug 2016 80,7 Jahre für Männer… Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO ist San Marino der Staat mit der höchsten Lebenserwartung für Männer.“ WIKIPEDIA! Ich habe ein ganzes Kapitel meines Buches auf dieser Aussage basieren lassen. Ich werde doch nicht noch einmal loslaufen, um den Gründen für die weltweit höchste Langlebigkeit bei Männern nachzugehen. Dafür sind die Treppen in Monaco viel zu steil!

Als Wissenschaftler und Doktorvater habe ich stets kritisches Denken gepredigt. Nicht einfach irgendetwas abschreiben, sondern darüber nachdenken, ob das, was zitiert wird, auch plausibel ist. WIKIPEDIA! Ich bin jetzt kein Wissenschaftler mehr und dachte, dass ich Dir völlig blind vertrauen kann. Die oben genannten Zahlen stammen laut Wikipedia aus derselben Quelle: „The World Factbook — Central Intelligence Agency". Ich habe es überprüft und stelle fest, dass die Zahlen genauso von Wikipedia übernommen worden sind, wie sie von der CIA veröffentlicht wurden (wobei es einen schon stutzig macht, Zahlen der CIA zu zitieren). Aber, worauf zum Teufel, beruht im San Marino-Artikel die vermeintliche WHO-Aussage? Zu dieser Aussage gibt es keinen Literaturhinweis bei Wikipedia. Auch nicht bei Jacques-Yves Cousteau, dem Tieftaucher und Direktor des sehr sehenswerten Ozeanographischen Museums in Monaco. Da konnte Grace Kelly, äh, pardon, Fürstin Gracia Patricia, lange suchen.

Wikipedia, ich habe auf meinen Reisen ja schon sehr viel von Dir profitiert. Bitte, bitte, bitte mache so etwas nie wieder. Mich so hinters Licht führen! Allerdings wirft der Monaco-Eintrag noch eine ganz andere Frage auf: Wie, verehrte Monegassinnen, schafft Ihr es, im Durchschnitt 93,1 Jahre alt zu werden. Aber wo, bitte schön, soll ich unter all den Schönen und Reichen hier denn Frauen finden, die über 90 sind, und mir diese Frage beantworten könnten? Nun, anstatt hier in Monaco nach alten Frauen zu suchen, kann ich diese Frage viel leichter und ganz schnell mittels des Analogieschlussverfahrens beantworten. Denn wenn eine Frau es sogar in Deutschland schafft, die 90-Jahrehürde locker zu überspringen, dann muss ihr Rezept erst recht auch für Monegassinnen gelten. Ich rufe meine geliebte Schwiegermutter Käthe an und bekomme postwendend das Rezept übermittelt. „Viele Reisen, gemütliche Spiele-Nachmittage und möglichst selten zum Arzt gehen.“ Danke Käthe, Du hast mir viel Arbeit erspart. Denn diese Aussage ist derartig plausibel, dass ich sie ohne wenn und aber hier zitieren kann.